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Schläge und Tritte in der Notaufnahme

 
 
 

Schläge und Tritte in der NotaufnahmeManche kommen schon mit Waffe: Krankenhaus-Mitarbeiter klagen über Prügel-Patienten

Freitag, 30.10.2015, 20:57 · von FOCUS-Online-Redakteur       

 
 

 
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Operationsbesteck
dpa/Oliver BergOperationsbesteck in einem Krankenhaus (Symbolbild)

In deutschen Krankenhäusern arbeiten Personenschützer. Sie sollen das Personal vor gewalttätigen Attacken der Patienten schützen. Denn immer öfter verlieren vor allem Notaufnahme-Patienten die Nerven und gehen auf Krankenschwestern und Ärzte los.

„Ich saß dem Mann gegenüber, in seiner Tüte glänzte eine nagelneue Axt. Er wollte sich rächen, weil er das Gefühl hatte, falsch behandelt worden zu sein. Ich musste ihn beruhigen, gleichzeitig war ich bereit, ihm zuvorzukommen, sobald er in seine Tüte greift. Doch es kam anders: Weil das Gespräch lautstark geführt wurde, schaute meine Sekretärin ins mein Büro. In einem Nebensatz flocht ich ‚110‘ ein. Sie verstand das Zeichen und benachrichtigte die Polizei. Die konnte den Mann dann festnehmen.“

Die Situation ging glimpflich aus, erzählt Tobias Schilling FOCUS Online. Er ist ärztlicher Direktor der interdisziplinären Notaufnahme am Klinikum Stuttgart. Doch was wie die Ausnahme klingt, ist an deutschen Kliniken an der Tagesordnung: Pflegekräfte und Ärzte sehen sich zunehmend aggressiven Patienten ausgesetzt.

Vor allem in städtischen Einrichtungen klagen die Angestellten über Übergriffe. In einer Umfrage der Unternehmensberatung openConsulting für das Unternehmen Ascom wurden 2014 mehr als 100 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Heraus kam, dass 73 Prozent der Befragten einen verbalen oder körperlichen Angriff erlebt haben. 43 Prozent geben an, dass die Zahl der Übergriffe in den zurückliegenden zwei bis drei Jahren zugenommen habe.

Der kränkere Patient kommt zuerst – das verstehen manche nicht

Doch wo und wie kommt es zu derartigen Situationen? „Wir unterscheiden zwischen zwei Hauptgruppen“, sagt Markus Wörnle FOCUS Online. Der Oberarzt leitet die medizinische Notaufnahme am Uni-Klinikum in der Münchner Innenstadt. In seiner Einrichtung werden pro Tag 25 bis 30 Patienten behandelt. „Zu uns kommen Menschen, die beispielsweise außerhalb der Dienstzeiten ihres Hausarztes krank werden.“

Im Rahmen eines Prioritätensystems, mit dem viele deutsche Krankenhäuser die Aufnahme leiten, wird dann analysiert, wie akut deren Gebrechen ist. „Kurz: Der kränkere Patient kommt zuerst“, sagt Wörnle. Das kann dazu führen, dass manche Patienten teils Stunden warten müssen, weil etwa Unfallopfer zuvor behandelt werden. „Das führt zu Ungeduld“, sagt Wörnle. „Unser Pflegepersonal, aber auch Ärzte werden mehrmals am Tag beschimpft.“

„Schlitze dich auf und lass dich ausbluten“

Die Beschimpfungen reichen von lautstark ausgestoßenen vulgären Äußerungen bis hin zu handfesten Drohungen. Peter Schuh, Mitglied der Klinikumsleitung in Nürnberg, erzählt FOCUS Online: „Eine Mitarbeitern wurde von einem Patienten bedroht. Er sagte: ‚Wenn ich dich draußen erwische, schlitze ich dich auf und lasse dich ausbluten‘“.

Die weit größere Gruppe seien Patienten, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss eingeliefert werden – oft schon in Begleitung der Polizei. Auch Patienten, die dement oder psychotisch sind, landen in der Klinik, bevor sie an die Psychiatrie weitergeleitet werden. „Manche schlagen und treten um sich, versuchen, die Pflegekraft zu beißen, werfen Möbel um sich, beschädigen teure medizinische Geräte“, sagt Wörnle.

Ein weiteres Problem: Patienten kommen bewaffnet in die Klinik. „Man darf nicht die Augen davor verschließen, dass Patienten etwa Messer dabei haben“, sagt Schilling von der Stuttgarter Notaufnahme. „Aber wir durchsuchen sie noch nicht routinemäßig. In einigen Jahren wird man wohl soweit gehen müssen.“

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Sicherheitsdienst muss Personal schützen

Doch die medizinischen Einrichtungen wehren sich: Der Schutz der Mitarbeiter habe höchste Priorität, betonen die Klinikleitungen, mit denen FOCUS Online sprach. In Stuttgart wurde nach brutalen Übergriffen auf Pflegepersonal etwa Sicherheitsglas an der Aufnahmestation eingebaut. Zusätzlich schützt nachts ein Sicherheitsdienst das Personal.

Von der abschreckenden Wirkung durchtrainierter Personenschützer profitiert auch das Klinikum in Nürnberg. „Bei uns heißt es strikt: keine Gewalt“, sagt Schuh. Sicherheitsleute wie Klinikpersonal werden in Deeskalationsstrategien geschult. Seitdem fühlten sich die Mitarbeiter sicherer, sagt Schuh.

Überall spielt die Polizei ein wichtige Rolle: In den Intensivstationen oder Aufnahmeschaltern kann das Pflegepersonal beispielsweise per Notrufknopf nach einer Polizeistreife schicken.

Auch sexuelle Gewalt an der Tagesordnung?

Der deutsche Berufsverband für Pflegeberufe verfolgt die Entwicklung mit Sorge. Die DBfK-Referentin Silvia Grauvogl sagt zu FOCUS Online: „Patienten erwarten, dass sie sofort behandelt werden. Da gibt es eine Hilflosigkeit, weil die Pflegekräfte das Problem nicht lösen können. Damit werden sie alleine gelassen.“

Es sei ein strukturelles Problem, denn die chronisch klammen Kliniken planten äußerst eng mit Personal. Das führe zu Engpässen in der Versorgung, Überforderung und immer schwierigeren Arbeitsbedingungen.

Dazu komme noch: „Kolleginnen werden sexuell belästigt, sexistisch beleidigt, angefasst, auf die Liege gezogen“, sagt Grauvogl. Darüber spreche kaum jemand. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Bei Festen sinkt die Hemmschwelle. Kollegen arbeiten dann nur noch zu zweit, weil sie sich gegenseitig schützen müssen.“

„Es ist eine schizophrene Situation“, sagt Schilling aus Stuttgart. „Man wählt den Beruf, weil man gerne hilft. Auf der anderen Seite sieht man sich mit Gewalt konfrontiert.“ Dieser Widerspruch sei für viele Menschen in medizinischen Berufen traumatisch.

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